Freiheit

Freiheit


Photo: http://tracks.arte.tv/de/entspannter-leben-ohne-dna


„Guten Morgen. Und herzlichen Glückwunsch. Es freut mich, dass Sie es geschafft haben. Es war nicht einfach, so weit zu kommen, ich weiss. Ich vermute sogar, es war noch schwieriger, als Ihnen klar ist.

Damit Sie da sein können, mussten sich zunächst einmal ein paar Billionen unstete Atome auf raffinierte, verblüffend freundschaftliche Weise zusammenfinden und Sie erschaffen. Es ist eine hoch spezialisierte, ganz besondere Anordnung – sie wurde noch nie ausprobiert und existiert nur dieses eine Mal.

Es begann mit einer Zelle, nachdem eine der bis zu 800 Millionen Spermien im Ejakulat, die Eizelle getroffen hat. Wenn alles funktioniert hat, produzieren Ei und Spermium innerhalb Minuten die erste von insgesamt zehn Billiarden Zellen, die notwendig sind um Leben zu schaffen. Nach nur 47 Zellteilungen sind bereits 10.000 Billionen (10.000.000.000.000.000) entstanden und es ist an der Zeit, das Licht der Welt zu erblicken. Und jede dieser Zellen weiss ganz genau, was es zu tun gilt, um das Leben zu erhalten, vom Moment der Befruchtung bis zum letzten Atemzug.“

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem

Jede Zelle weiss genau, was sie zu tun hat. Mit unseren Gedanken und Emotionen mag dies nicht immer der Fall sein. Ihr Standort, meistens ein roter ⦁, zeigt uns auf dem Übersichtsplan an, wo wir stehen und hilft, uns zu orientieren und zeigt den Weg, wie wir zu unserem Ziel gelangen.

Manche Menschen brauchen keine Orientierungspläne. Sie haben einen eingebauten GPS-Empfänger, der sie auf die richtige Fährte bringt und brauchen auch von mir keine Unterstützung. Sie nehmen stets die passende Abzweigung und gelangen auf dem direkten Weg zu ihrem Ziel.

Wo stehen Sie auf der weltberühmten Skala von 1-10 mit Ihrer Lebensqualität in Hinblick auf Ihre Ziele? Es gibt keinen Grund, unglücklich übers Unglücklichsein zu sein. Manche glauben, nur ein Leben ausgefüllt mit Happiness ist ein Leben, wert gelebt zu werden. Das Leben ist jedoch komplexer als das und unsere Emotionen sind Teil von uns und wollen umarmt werden – auch die negativen. Und hier liegt eine Freiheit versteckt, die Viktor Frankl so vortrefflich formuliert hat:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

(Viktor Frankl)

Trotz möglicher Zweifel und der Unsicherheit, die nun mal um uns herum besteht, geht das Leben jeden Tag seinen Weg. Leben wird gelebt mit einem Tag nach dem anderen. Alleine, dass Sie hier jetzt lesen, bedeutet, dass Sie am Leben sind – mit allen Unsicherheiten– denn, es sind doch tatsächlich nur zwei Dinge, die wir wirklich sicher wissen:

Wir alle sterben und wissen nicht wann.

In diesem Zusammenhang gefallen mir die Stoiker, deren Präambel es ist, Weisheit zu erlangen. Regelmässige Leser kennen Marcus Aurelius bereits, der, als er 17 Jahre alt war, so die Legende, vom Kaiser Hadrian adoptiert wurde. Das klarste Bild, das wir uns von Marcus erstellen können, findet sich in den Notizen, den Meditationen, die er schrieb (kostenlos Kindle Ausgabe Amazon: Selbstbetrachtungen (dtsch), Meditations(engl)). Sie sind eine zeitlose Bedienungsanleitung, um ein ausgeglichenes Leben zu leben.

Über den philosophischen Aspekt hinaus erkennen wir beim Lesen die Klarheit in Marcus Aurelius‘ Denken. Er sah die Welt (Realität) mehr wie sie war und nicht, wie er sie sich wünschte oder erhoffte. Das hört sich auf den ersten Blick nicht nach einer Leistung an, aber in unserer Umwelt (und oft in uns) ist dies seltener anzufinden, als die meisten von uns denken.

Das Anwenden dieser Achtsamkeit, die Realität zu ergründen, zahlt sich in jedem Lebensaspekt aus. Drei Bereiche aus seinen Meditationen könne wir sezieren, um besser herauszufinden, wie wir absichtlich unsere Fähigkeit, die Realität zu sehen, gezielter ernähren können:

⇒ Uns aktiv trainieren, das autonome Verhalten (Autopilot) zu reduzieren.

⇒ Objektivität durch Blickwinkel-Veränderung erzielen.

⇒ Routinemässig nach Wegen suchen, den Geist zu entrümpeln.

Uns aktiv trainieren, das autonome Verhalten (Autopilot) zu reduzieren

Andauernd werden wir von externen Stimulationen überrollt und würden wir jede Stimulation verarbeiten, dann wären wir nicht in der Lage, richtig zu funktionieren. Unser Hirn wäre überfordert und wir würden zu nichts kommen.

Deshalb sind in unserem Hirn Filter eingebaut, die uns helfen, uns auf das Wichtige zu konzentrieren. Es weiss zum Beispiel, in einem gut besetzten Restaurant, dass die Worte des Gegenübers wichtiger sind als der Hintergrund-Geräusch-Pegel und passt sich entsprechend an.

Dieser Mechanismus kommt dummerweise mit einem unbeabsichtigten Neben-Affekt mit Wirkung (Effekt) auf unser Leben. Der Affekt ist, dass wir manchmal nicht in der Lage sind, uns auf das Wichtige zu konzentrieren, ausser wir sind uns dessen voll bewusst. Es soll noch Menschen geben, die glauben, dass sie Multi-Tasking beherrschen – oder wie in einer Harvard Studie nachgewiesen, denken wir knapp in 47% unserer Wachzeit an Dinge, die mit dem, was wir gerade unternehmen, nichts zu tun haben.

Aurelius erwähnt mehrfach in seinen Selbstbetrachtungen die Notwendigkeit und den damit verbundenen Wert, innezuhalten und über das, was wir an der Oberfläche sehen, zu reflektieren und damit die Welt besser zu verstehen:

„Nichts ist geeigneter, uns erhaben über alles Irdische zu machen, als die Fähigkeit, jeden Gegenstand, der uns im Leben aufstößt, richtig und vernunftgemäß zu untersuchen und ihn stets auf solche Art zu betrachten, das es uns zugleich klar wird, in welchem Zusammenhange er stehe, welchen Nutzen er gewähre, welchen Wert er für das Ganze, welchen für den einzelnen Menschen habe…“

(Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 3:11)

Sich mehrmals täglich die Zeit nehmen, richtig zu sehen und richtig zuzuhören (mit Neugierde, Kindesaugen und ohne PR-Department) und bewusst den Autopilot links oder rechts überholen. Da ist eine ganze Menge von Dingen und Situationen da draussen und vieles ist wichtig. Hier beginnt die Aufmerksamkeit.

Objektivität durch Blickwinkel-Veränderung erzielen

Einer der Eckpfeiler unseres Bewusstseins ist die Objektivität. Es ist die neutrale Fähigkeit, die Welt so zu sehen wie sie ist, ohne persönliche Beurteilung, Bewertung, Glaubensätze und Vorurteile. Oh Boy, das zu kultivieren ist einfach, aber leider nicht leicht.

Mit unseren Sinnen, so sind wir designed, nehmen wir jegliche Information im Zusammenhang zu unserem Standort, zu unserem Tun und unserem aktuellen Gefühl auf. Die Stimulationen um uns herum sind an sich neutral, weder gut noch schlecht. Was wir aus ihnen machen, passiert in unserem Gehirn – und jeder fühlt und denkt und bewertet anders. Der Regen, für die Grillparty ein Desaster, für den Gärtner ein Segen. Der Regen ist neutral.

Überwiegend marschieren wir durch unser Leben, verstehen die Welt, beeinflussen uns und andere und verhalten uns so, als ob wir das Zentrum des Universums seien. Kopernikus muss spinnen.

Trotz der Intensität mit der wir erleben, fühlen und handeln, hat das meiste um uns herum nichts mit uns zu tun. Da passiert so viel mehr und die Eiche am Weg, die uns wahrscheinlich überlebt, verschwendet keinen Gedanken über unseren eventuellen Missmut oder unsere euphorische Stimmung.

Je eher wir unsere Glaubenssätze hinterfragen, umso einfacher wird es, die Realität zu sehen, anstatt sie zu fühlen. Da besteht ein kritischer Unterschied.

In Aurelius‘ Notizen taucht immer wieder seine Fähigkeit auf, einen Schritt zur Seite vorzunehmen und die Welt und sich selbst ohne emotionales Gepäck zu sehen.

Aus den eigenen Schuhe heraus, ab in die Schuhe eines anderen, die Welt von einem anderen Blickwinkel sehen, Objektivität trainieren, indem man die Welt mit den Augen eines anderen betrachtet.

Routinemässig nach Wegen suchen, den Geist zu entrümpeln

Aurelius, so glaubt man, schrieb nicht für andere, sondern lediglich für sich selbst. Die Selbstbetrachtungen erscheinen einem wie ein persönliches Tagebuch, ohne feste Struktur. Es ist die Sammlung seiner Gedanken. Also, vor mehr als 2.000 Jahren gab es schon Fans für das Führen eines täglichen Journals.

Er schrieb nicht unbedingt, um seine Weisheit zu veröffentlichen, sondern vielmehr, um Klarheit und Ordnung in seinem Geist zu schaffen. Unter anderen haben Dr. James W. Pennebaker und Kelly McGonial sich mit den Vorteilen des Journal-Schreibens auseinandergesetzt.

Pennebaker und sein Team teilten Arbeitslose (länger als 8 Monate) in drei Gruppen. Die erste Gruppe wurde angehalten, über die Entlassung und ihre Gefühle zu schreiben, die zweite Gruppe wurde lediglich eingeladen zu schreiben, aber ohne Themenvorgabe und die Dritte erhielt keinerlei Schreib-Anweisung. Das Ergebnis?

Die Teilnehmer, die über ihre Entlassungserlebnisse schrieben, waren, im Vergleich zu Gruppe II und III, wesentlich erfolgreicher, einen neuen Job zu finden. Durch das Schreiben waren sie in der Lage formal den Stress und das Gerümpel im Hirn zu entkrampfen und haben sich damit orientiert und sich mit dem, was sie fühlten auseinandergesetzt und es akzeptiert. Dies half ihnen, zu erkennen wo sie waren und wo sie hin wollten. Das setzt Energie frei.

Unser Geist ist extrem laut, zu viele Gedanken und viele dieser Gedanken verdienen die Bezeichnung Schrott. Mit dem Erschaffen einer Routine, regelmässig Freiraum zu schaffen und Information, die ruhelos in unserem Hirn herumwandert, schrittweise zu eliminieren hilft uns, die Spreu vom Weizen zu trennen und uns auf das zu fokussieren, was für uns wichtig ist. Wir können die Komplexität, die Hand in Hand mit der zunehmend beschäftigten Welt daherkommt, entlarven und damit Klarheit für uns schaffen.

Die Spielräume unseres Bewusstseins, die Torpfosten, werden von uns in unserer Realität festgelegt. Es sind diese Spielräume, die unseren Erfolg definieren. Je mehr wir wissen, umso mehr verstehen wir unsere Umwelt. Je mehr wir unsere Gedanken organisieren können, umso mehr Optionen und Möglichkeiten erkennen wir. Dies ist unsere Freiheit.

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