Renee Iseli - Smits in Artikel auf Deutsch, beBee auf Deutsch Author of "Ik ben slechthorend, nou en?" • Writer May 31, 2019 · 1 min read · ~100

Disklaimer

Disklaimer


Neulich hat in den Niederlanden eine Kette von Hörgeräteakustikern von sich Reden lassen mit einer Werbung, leider negativ. Das Video und die dazugehörende Bilder, zeigen eine ältere Dame vor einem Akustikerladen, und die gleiche Dame die als Teenager den Laden wieder verlässt.
Laut Akustikerketten, wollen sie die Zielgruppe der älteren hörbeeinträchtigten Menschen, die oft zu lange mit einem Hörgerät warten, erreichen. Dieser Schuss geht aber ganz nach hinten.
Erstens wird man mit einem Hörgerät nicht 50 Jahre jünger und schlanker, sonst wäre ich selbst schon seit etwa 35 Jahre schön und schlank. Zweitens, eine Hörbeeinträchtigung hat keine Altersgrenzen.

So eine Werbung verstärkt einmal wieder alle Klischees, Tabus und Stigmatisierungen über Hörbeeinträchtugung und Hörgeräte in einem. Dabei frage ich mich, warum das so sein muss.
Klar verstehe ich den Versuch, eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen, aber diese Zielgruppe (oder andere) könnte man auch ganz anders angehen. So schwebt mir zum Beispiel einen Slogan vor Augen wie «Unsere Hörgeräte sind zu gut sie zu verstecken», oder «Wir lieben Hörgeräten die sich zeigen lassen können», oder «Hörgeräte kümmern sich nicht um das Alter, sondern um die Funktionalität».

Wie ich schon mal geschrieben habe (im Beitrag «Farbe bekennen»), senden die meisten Hörgerätewerbungen ein komplett falsches Signal, dass die Vorurteile der gut hörenden Menschen (hörbeeinträchtigte Menschen sind alt und für eine Hörbeeinträchtigung oder für Hörgeräte muss man sich schämen) nur bestätigt und macht alle Versuche zu einer Inklusion zunichte.

Warum investieren die Akustiker und Hörgerätehersteller nicht in einer Werbung die die Realität mehr entspricht und mit der sie ihre Hörgeräte trotzdem gut darstellen können.
Nein, liebe Akustiker und Hörgerätehersteller, mit einem Hörgerät «öffnet sich die Welt» nicht und kann man auch nicht wieder unbesorgt an Tischgespräche teilnehmen. Mit einem Hörgerät kann man höchstens wieder etwas besser verstehen, aber einmal ein hörbeeinträchtigter Mensch wird man mit Hörgerät vielleicht ein besser hörender Mensch, aber noch immer kein gut hörender Mensch.

Eigentlich braucht die Hörgeräte- oder Akustikerwerbung einen Disklaimer, wie bei Medikamentenwerbung. So in der Art wie «Unsere Hörgeräte sind Hilfsmittel und keine Wundermittel. Bei Zweifel, fragen Sie Ihren HNO-Arzt oder Akustiker».

So einen Disklaimer wäre nicht nur fair, sondern würde die Realität viel näher kommen. In der nächsten Zukunft sehe ich aber leider noch keine Änderung der Werbung und daher überlege ich mir ob es sich lohnen würde, eine Kampagne zu starten, die einen Disklaimer in der Hörgerätewerbung verpflichten sollte.
Was meinen Sie dazu, liebe Leserinnen und Leser? Ich nehme Ihre Rückmeldungen gerne entgegen.