Ursula Moers en Marketing und Produkt, beBee auf Deutsch, Social Media (DE) Consultant und Dozentin • Zahlengipfel 10/11/2017 · 4 min de lectura · ~100

Deutsche Cities wenig Smart! Verpasst Deutschland Big Data?

Deutsche Cities wenig Smart! Verpasst Deutschland Big Data?

Standen Sie heute auch wieder im Stau? Ärgerlich, denn eigentlich könnten die Verkehrsplaner schon viel weiter sein. Es sind sich doch alle einig: Daten und deren Nutzung gelten als relevantes Differenzierungsmerkmal und Zukunftspotenzial für Unternehmen und Politik! Das bedeutet auch, sie sind Grundlage für die Infrastruktur der Städte und die Planung der Ressourcen auf dem Land. Daten sind inzwischen zu einem erneuerbaren Rohstoff geworden, da sie mehrfach für unterschiedliche Bedürfnisse verwendet werden können. Geld verdient man in Zukunft über die Kontrolle der Schnittstelle zu den begehrten Daten!

Mehrwert schaffen – nicht in der Komplexität versinken

Im Zusammenhang mit Smart City tauchen immer wieder Begriffe auf wie die sogenannte „Dateninnovation“ und deren 4 V’s: „Volume“ (die Datenmenge); „Velocity“ (die Geschwindigkeit, in der Daten generiert werden), „Variety“ (die Form der Daten) und „Veracity“ (die Zuverlässigkeit). Egal welche Begrifflichkeiten verwendet werden – der Mehrwert aus den erhobenen Daten entsteht erst, wenn sinnvolle Prozesse hinter der Analyse definiert sind. Erst dann kann man auch zukunftsorientierte und relevante Interpretationen vornehmen. Die reine Sammlung von Rohdaten hilft da nicht weiter.

Bei den vier definierten Entwicklungsstadien der Smart City ist Deutschland laut Arthur D. Little im internationalen Vergleich noch ganz am Anfang.

1. Marketing: Verbesserung des Images einer Stadt ohne große Investitionen – hier steht z. B. die Stadt Bern

2. Piloten:  Erfahrung sammeln durch Piloten in einem Smart-City-Segment – hier sind die führenden deutschen Städte wie Berlin gerade einmal angekommen

3. Segmentausbau: Erweiterter Roll-Out durch Hinzufügen neuer Marktsegmente – in diesem Segment tummeln sich Städte wie Amsterdam und Singapur

4. Plattform:  Smart-City-Plattform und segmentübergreifende Integration – auf der letzten Stufe finden wir Städte wie Barcelona, Stockholm und Dubai

Das Geschäft mit den „Smart Cities“

Die Prognosen für das Geschäftsfeld „Smart Cities“ sehen für die Konzerne gut aus: nach Schätzungen von Experten liegen die Umsatzpotenziale im Jahr 2020 bei 1,5 Billionen Dollar. Und damit tummeln sich wieder die bekannten Großkonzerne in diesem Geschäftsfeld: Google, Microsoft, IBM, Cisco etc. Sie investieren in die Forschung und haben ihre Lobbyisten an den entscheidenden Schnittstellen zur Politik sitzen.

Die ursprüngliche Idee für die Smart City (Video) kam ja auch nicht aus dem Bereich der Stadtplanung und hatte nichts mit soziologischen Hintergründen zu tun – sie war rein technologiegetrieben. Dadurch wurde der Prozess auf den Kopf gestellt: denn normalerweise soll man zuerst die Bedürfnisse einer urbanen Gesellschaft analysieren und dann die richtige Technologie dafür finden.

Deshalb ist es besonders wichtig, die bisher zuständigen Disziplinen wie Raum- und Städteplanung etc. in den Prozess einzubinden. Auch der Ruf nach einem generellen interdisziplinären Diskurs wird immer lauter: die Einbindung von Journalisten, Theologen, Journalisten, Soziologen, Mathematiker und Informatikern. Alleine die Vorstellung, welch unterschiedliche Anschauungen und Terminologien da aufeinandertreffen zeigen die wahre Komplexität dieses Themas.

Beispiele zeigen die Dimension und die Potenziale

Ich will hier nicht die immer wieder zitierte südkoreanische Stadt Songdo aufführen, die schon seit dem Jahr 2000 auf einem offenen Gebiet ihre Vision der Smart City umgesetzt hat. Sie war jedoch eine Orientierungshilfe für viele Städte, um die Bandbreite der Möglichkeiten zu erfassen.

Barcelona: Die Parks in Barcelona sind mit intelligenten Bewässerungssystemen ausgestattet – deren Sensoren messen die Feuchtigkeit im Boden. Damit kommt der Stadtgärtnerei eine neue Aufgabe zu: die Gärtner analysieren die Informationen gemeinsam mit Wetterdaten und sparen damit große Wassermengen. Darüber hinaus misst ein System die Auslastung von Parkplätzen.

Außerdem nutzt Barcelona vorhandene Daten, um Reisemuster der Touristen zu erkennen sowohl für die Steuerung der Fahrradstationen als auch für die Aufstellung von Geldautomaten.

Stockholm: Die Problematik der Verkehrs- und Umweltsituation haben dazu geführt, dass Stockholm schon vor einigen Jahren eine datengesteuerte Verwaltung eingeführt. Ein Beispiel dafür war die Optimierung der Einsatzzeiten von Müllsammelfahrzeuge im innerstädtischen Verkehr. Deshalb wurde eine halbe Million Einträge im Zusammenhang mit dem Abfalltransport gesammelt, analysiert und eine optimiert.

Zusätzlich wurden 1600 Taxen mit GPS-Systemen ausgestattet. Die Auswertung erfolgte über eine Streaming Software. So erhielt die Stadt wertvolle Informationen über Verkehrsflüsse, Reisezeiten und optimale Pendlerrouten. Aus der Analyse ergaben sich unterschiedliche Optimierungsoptionen mit dem Resultat: 50% Senkung der durchschnittlichen Fahrzeiten, 20% Reduzierung des Verkehrsaufkommens und 10% Reduzierung der Emissionen.

Kopenhagen: Kopenhagen hat ein großes Ziel: bis 2025 die erste CO2-neutrale Hauptstadt der Welt zu werden. Deshalb werden innovative Lösungen in vielen Bereichen implementiert: Verkehr, Abfall, Wasser, Heizung und alternative Energiequellen.

Die Mobilitätsfrage ist in ein breit gefächertes Konzept zur Verbesserung des Verkehrs in der Stadt integriert – keine isolierten Debatten über Radewegekonzept etc. Hier werden Lösungen gesucht, inwiefern der Bürger einen einfachen Wechsel vom Fahrrad zu öffentlichen Verkehrsmitteln vornehmen kann und wie die Parkplatzsituation für Fahrräder verbessert wird.

Finnland: Finnland startete direkt ein übergreifendes Projekt: Mit den Ländern Schweden, Norwegen und Dänemark wurde eine App zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe sich Autofahrer gegenseitig über Wetterbedingungen, Verkehrsstörungen, Unfälle oder Baustellen informieren können.

Boston: Ein ähnliches Konzept wie Finnland: die Nutzung von Googles Navigations-App Waze, mit der sich die Bürger gegenseitig über Unfälle oder Staus informieren. Dies dient der Verwaltung u.a. zur optimalen Schaltung von Ampeln bei Einsatz der Rettungsfahrzeuge.

Zusätzlich entwickelte die Stadt Service-Apps, über die die Einwohner Schlaglöcher, verbogene Verkehrsschilder oder überquellende Mülleimer hinweisen.

Nanjing: In Nanjing sind alle miteinander vernetzt: Behörden, Polizei, Gesundheitsamt und Stadtwerke. Sie nutzen die Daten, um Informationen auszutauschen und Planungen abzustimmen. Die Prozesse innerhalb der Behörden werden dadurch immens beschleunigt und Fehler vermieden.

Gleichzeitig hat die Verwaltung die Möglichkeit, ihre Bürger über Neuerungen zu informieren, Unternehmen über öffentliche Ausschreibungen und – besonders effizient – elektronische Strafzettel zu verschicken. Umfang: 25 Millionen Nachrichten pro Tag.

Smart City ist mehr als Connected Cars

Um die Abläufe einer Stadt zu simulieren und auch zu verstehen, braucht man eine große Menge von Daten. Es reicht nicht, wenn Politiker – aus parteistrategischen Gründen – isoliert über die Möglichkeiten der Vernetzung von Fahrzeugen sprechen.

Um das Ziel einer Smart City zu erreichen braucht man die Daten aller Bewegungsströme – ob Mensch und/oder Fahrzeug in der Stadt. Und diese Daten sind eigentlich schon vorhanden: Smartphones liefern zuverlässig Auskunft darüber, wie sich Menschen bewegen, zu welchen Uhrzeiten und mit welchen Fahrzeugen. Elektronische Fahrkarten wie zum Beispiel in den Niederlanden liefern zuverlässige Daten zur Optimierung des Öffentlichen Personen Nahverkehrs (ÖPNV). Treue- und Kreditkarten-Transaktionen helfen, die Verbraucher und ihre Motive besser zu verstehen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, Daten zu sammeln.

Digitale Agenda? – Fehlanzeige

Es gibt vom Bund aus keine zentrale Steuerung – d.h. jede Kommune bemüht sich selbst um die relevanten Themen und auch um die Finanzierung. Auch hier entsteht wieder die gleiche sinnlose Struktur: Jeder sucht sich seine eigenen Technologiepartner, mit denen sie die Projekte umsetzen. Im Zweifel – und so haben wir es ja schon bei der Digitalisierung der Behörden gesehen – sind die einzelnen Technologie-Lösungen nicht kompatibel! Es reicht nicht, wenn die Produktionsprozesse digitalisiert werden.

Das Gold der Zukunft: die Schnittstelle

Die Produktionsprozesse werden immer mehr vernetzt – mit Bereichen, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben. Beispiel: Der Hausgerätehersteller Miele muss nicht den Sprachassistenten für den Kühlschrank entwickeln. Will er jedoch an den relevanten Teilen der Wertschöpfungskette beteiligt sein, muss er die Kontrolle über die Schnittstelle erhalten. Nur so kommt er auch an die Daten, die ihn befähigen neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Sieht man sich das Ranking der wertvollsten Unternehmen an, sind das heute keine Hersteller mehr, sondern Datensammler. Und leider hat Deutschland momentan keine Möglichkeit, an diese Datenströme zu gelangen.

Fazit

Die Politik tut sich mit diesem Thema schwer, denn Digitalisierung und Smart City stellen keinen einheitlichen Markt dar. Durch den Einsatz intelligenter Technologien und die Komplexität der Themen sind viele Akteure beteiligt.

Beim NRI (Networked Readiness Index), der alle Faktoren eines Landes misst, die für die Nutzung von digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien zugunsten der Entwicklung einer Gesellschaft beitragen, liegt Deutschland im internationalen Vergleich hinter den Spitzenländern auf Platz 13.

Die Anforderungen an die Politik sind klar: Bereichsübergreifendes Projektmanagement für eine enge Zusammenarbeit zwischen den Akteuren! Das heißt: nur ein ganzheitlicher Ansatz ist hier erfolgreich. Und der Projektleiter muss entscheidungsbefugt sein! Voraussetzung ist eine divisionsübergreifende Plattform, die als Mittlerfunktion die einzelnen Dienstleistungen integriert. Diese Dienstleistungen beziehen sich auf den Bereich Mobilität, Energiemanagement, Sicherheitslösungen und vieles mehr.

Das bedingt jedoch die Bereitschaft, dezernatsübergreifend an einem Projekt zu arbeiten, Wissen von außen anzunehmen und sich letztendlich anzueignen. Die Korrelation zwischen Sachkenntnis und Einschätzung der Relevanz für Deutschland ist offensichtlich und insuffizient– einer der Gründe für das unbefriedigende Ranking.

Es gibt keine Internetwirtschaft ohne Internet! Und mit den wenigen Leuchtturmprojekten, die in Deutschland umgesetzt werden, verlieren wir den Anschluss! Deshalb gilt für die Politik: „Move fast and break things.“

Bildquelle: Colourbox ID #25253310

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